Arnold Bittlinger

Interview mit A. Bittlinger

Maria von Magdala – Die Apostelin des Auferstandenen

Der Schaffhauser Psychoanalytiker und Pfarrer Arnold Bittlinger über Maria von Magdala, die Jesus auf seinem Weg begleitete und zu einer der spannensten Frauen der Kirche wurde.


Kirchenbote: Herr Bittlinger, Sie haben eine CD über Maria von Magdala herausgegeben. Wer war diese Frau? Geliebte von Jesus? Oder die grosse Sünderin?

Arnold Bittlinger: In der Gestalt der Maria von Magdala begegnen uns verschiedene Traditionen. Nach der Überlieferung ist Maria von Magdala eine reiche Frau vornehmer Abstammung. Sie hat Jesus die Füsse gesalbt und wird deshalb in der Ikonographie mit kostbaren Kleidern und mit einem Salbgefäss dargestellt. Nach dem Bericht des Neuen Testamentes ist Maria von Magdala eine Frau mit einer traumatisierten Vergangenheit. Sie ist von sieben Dämonen besessen (Lk.8,2; Mk.16.9) Die Zahl 7 drückt als Vollständigkeitszahl die besondere Schwere der Traumatisierung aus. Maria wird von Jesus geheilt. Sie gehört zum Kreis der Frauen, die Jesus ständig begleiten und ihm und seinen zwölf Jüngern mit ihrem Vermögen dienen. Sie begleitet Jesus bis zum Kreuz und Grab und begegnet als erste dem Auferstandenen. Maria wird von Jesus beauftragt, die Auferstehungsbotschaft seinen Jüngern zu verkündigen. Sie wird deshalb in der frühen Kirche «Apostelin der Apostel» genannt.

Sie sagen, dass für Maria von Magdala in der Begegnung mit Jesus ein Heilungsprozess begann.
Indem Maria Jesus in seiner Ganzheit erkennt, erkennt sie im Unterschied dazu ihre eigene Zerrissenheit. Eine solche Persönlichkeitsspaltung ist etwas «Dia-bolisches», (Griechisch: etwas, was auseinander gerissen ist.) Der Heilungsprozess beginnt damit, dass Jesus ihr im Unterschied zum Pharisäer (Lk 7,39) vorurteilslos begegnet und hinter aller Zerrissenheit ihre grosse Liebe erkennt und von ihr sagt, «sie ist voller Liebe.» Im Umgang mit Jesus verlieren die spaltenden Kräfte ihre Macht. Maria lässt sich von Jesus prägen. Sie erlebt den Heilungsprozess als Selbstwerdung. An Ostern entlässt sie Jesus in die Freiheit. Sie hat zu sich selbst gefunden und kann deshalb den ihr von Gott vorgezeichneten Weg gehen.

Wirkte Jesus als Psychotherapeut?

Nicht nur, aber auch. In der Gegenwart Jesu begegnen Menschen sich selber – insbesondere der dunklen Seite ihres Lebens, ihrem Schatten. So bricht Petrus, als er Jesus begegnet, in den Schrei aus: «Geh weg von mir, ich bin ein sündiger Mensch». (Luk.5.8) Für einen Psychotherapeuten ist es ganz wesentlich, dass er nicht wertet, sondern alles Vergangene und Gegenwärtige als zu dem betreffenden Menschen gehörend erkennt und dadurch diesem Menschen einen Neuanfang ermöglicht. So sagt Jesus zu einer Ehebrecherin (Joh.8,11): «Ich verurteile dich nicht. Gehe deinen Weg und verfehle dein Lebensziel nicht.»

Heute zeigen Romane wie das Sakrileg Maria von Magdala als Geliebte von Jesus. Gibt das für Sie einen Sinn?
Das Neue Testament zeichnet Maria als eine Frau, die Jesus mit einer grossen Leidenschaft geliebt hat. In der bildenden Kunst wir dies besonders deutlich in einer Plastik von August Rodin, die zeigt, wie Maria den gekreuzigten Christus leidenschaftlich umarmt. Sie umschlingt seinen Leib mit beiden Armen und drückt ihn fest an sich. Die ganze Glut ihrer Liebe kommt darin zum Ausdruck. Eine ähnliche Liebensglut offenbart die verzweifelte Maria von Magdala auf dem Kreuzigungsbild des Isenheimer Altars.

Und wie war es beim Nazarener? Hatte er sich auch in Maria von Magdala verliebt?

Selbst wenn es so gewesen sein sollte, wäre für Jesus Abstinenz selbstverständlich, denn sonst würde der therapeutische Prozess empfindlich gestört oder gar zerstört. Trotzdem steht Jesus in einer besonderen Nähe zu Maria von Magdala. Sie wird beim Erwähnen der Jüngerinnen Jesu in der Regel an erster Stelle genannt und erhält als erste vom Auferstandenen einen apostolischen Auftrag.
In der Wirkungsgeschichte verkörpert Maria von Magdala als eine Frau, die zu ihrer Erotik steht, das «Weibliche» in der Kirche, während die Mutter Jesu – besonders als Schutzmantelmadonna – den mütterlichen Aspekt verkörpert.

Ist die Ostergeschichte nicht mehr?
Ostern bedeutet Leben aus dem Tod und zwar auf verschiedenen Ebenen. Zunächst die individuelle Ebene, die an der Gestalt der Maria von Magdala verdeutlicht werden kann. Diese Frau wurde von einem zerissenen, fremd gesteuerten Menschen zu einer von ihrem Wesenskern Christus geleiteten Apostelin. Von ihr könnte Gott wie vom verlorenen Sohn sagen: «Diese meine Tochter war tot und ist lebendig geworden.» Oder wie es der Apostel Paulus ausdrückt: «Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Schöpfung.» (2. Kor. 5.17) Auf der Ebene der gesamten Menschheit bedeutet Ostern, dass der Auferstandene ein Neuwerden aller Menschen und Völker bewirkt, indem er seinen Jüngern den Auftrag erteilt: «Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker (Mt. 28.19). Und schliesslich bedeutet Ostern für das gesamte Universum die Erfüllung der Verheissung des Auferstandenen: «Siehe ich mache alles neu» (Off.21,5). Das bedeutet, dass er einen neuen Himmel und eine neue Erde schafft. (Off.21.1)


Interview: Tilmann Zuber 

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Arnold Bittlinger